Eine wahre Geschichte

"Feuerwehrleute retten Leben, doch manchmal kommen auch sie zu spät."


Der kleine Pascal kam bei einem Brand ums Leben.Was auch einige unserer Mitglieder schon erleben mussten, das trifft Familien und Freunde meist doppelt so hart. Um einmal aufzuzeigen, wie sich das Leben nach einem derart harten Schicksalsschlag darstellt, baten wir eine Bekannte darum, uns einmal ihre Erlebnisse zu schildern. Christa S. schilderte uns dabei mit eigenen Worten, wie sich ein ganz normaler Tag für sie dramatisch verändern sollte.

Was bei ihrer Schilderung herauskam lässt das, was für Feuerwehrleute eigentlich mit dem Einrücken enden sollte, auch für Außenstehende in einem ganz anderen Licht erscheinen: Mit dem Erlöschen einer Flamme ist noch lange nicht Schluss...

 



Es war am 10. Januar 2003 wo sich für mich mein ganzes Leben geändert hat, denn ich verlor in meinem Leben das Wichtigste, was es für mich gab: Meinen kleinen Pascal!

An diesem Tag, wie an vielen Tagen zuvor, verbrachte ich viel Zeit am PC. An diesem Tag war ein Freund bei mir. Mein Sohn genoss es mit ihm herumzugaukeln, in der Luft zu „fliegen“ und ich freute mich wie mein Sohn lachte. Ich liebte dieses lachen. Als der Freund ging wurde es auch Zeit das ich Essen machte. Mein Mann kam damals kurz danach nach Hause. In der Zwischenzeit war auch mein anderer Sohn nach Hause gekommen.

Die Kinder spielten, aber als sie merkten, dass ihr Papa zu Hause war wurde er erstmal stürmisch begrüßt. Ich nutze die Zeit, war mal wieder am PC und fand kein Ende. So gegen circa 16:00 Uhr wurde mir bewusst, dass ich ja noch einkaufen wollte. Die Kinder spielten oben im Zimmer und mein Mann saß vor dem Fernseher. Mein Mann drängelte auch schon, da er noch bei ebay reinschauen wollte. Ich sagte ihm noch, dass ich nach dem Einkaufen dringend noch mal an den PC müsste.

Im Normalfall wäre ich noch nach oben gegangen und hätte den Kleinen mitgenommen, weil er, wenn er hörte dass ich wegfahre, immer mit wollte. Diesmal aber wollte ich ja auch besonders schnell wieder zu Hause sein. Ich sagte meinem Mann, der inzwischen am PC saß, dass ich nun losfahren würde und fragte ihn, ob er noch mal nach den Kindern sehen könnte. Eigentlich idiotisch, denn ich wusste das er es nicht machen würde. Ich kannte ihn ja mittlerweile schon lange genug, um das zu wissen.

Ich bin dann losgefahren - ohne mich zu verabschieden und ohne Pascal. Auf dem Weg in den nächsten Ort (2,5 km von uns entfernt), in dem ich immer eingekauft habe, fiel mir ein, das ich ja erst auch noch zur Bank musste. Ich ging hinein und kam auch sofort an den Automaten. Dann bin ich zum Einkaufen zu Aldi gefahren. Ich kam mit meinem Einkaufswagen nur bis zu den ersten Truhen, dann klingelte mein Handy. Es war eines, bei dem man fast nichts verstehen konnte. Eine Stimme, die mir nichts sagte, erzählte mir, dass unser Haus brennen würde.

Zuerst dachte ich, da hat sich jemand verwählt. Ich versuchte dann bei uns zu Hause anzurufen. Nichts geschah. Ich habe dann bei meinem Mann angerufen - auch da nahm niemand ab. Zuletzt habe ich bei meinen Nachbarn angerufen. Sie erzählten mir, dass sie es waren, die angerufen hatten. Ich lief aus dem Laden und erzählte noch der Verkäuferin im Gehen, dass ich meinen Einkaufswagen stehen lassen würde, weil mein Haus brennen sollte. Ich kam dann auch noch schlecht vom Parkplatz runter und fuhr dann den Kanal entlang Richtung Zuhause.

Schon von weitem konnte ich sehen, dass da ein Feuer war. Es schien mir riesig zu sein. Der Weg bis dorthin kam mir so verdammt lang vor. Ich hatte Angst zu schnell zu fahren, dachte die ganze Zeit daran, dass hoffentlich nichts passiert war. Ich fuhr dann hinter einem Feuerwehrfahrzeug her und dachte die ganze Zeit nur „Warum nur fährt der nur so langsam?“. Als ich dann in unsere Strasse einbog, schlitterte ich mit dem Auto etwas auf der glatten Straße. Das Feuerwehrfahrzeug vor mir machte mir Platz. Im Nachhinein wusste ich warum: Man sagte Ihnen, das ich es wäre - die Mutter.

Nachdem ich dann endlich bei unserem Haus ankam, sah ich das Feuer und viele Wagen von der Feuerwehr. Ich kam kaum zu stehen mit meinem Auto, so glatt war es an diesem Tag. Ich stieg aus dem Auto und es kamen mir irgendwelche Leute entgegen. Ich wusste nicht einmal wer es war und als ich hochsah, sah ich in die Augen meines Mannes, der mir entgegenkam. Er weinte und sagte nur, dass es ihm Leid tun würde. Er sagte das so verzweifelt, so traurig und ich fragte nach den Kindern. Man sagte mir, dass der Große bei den Nachbarn wäre. Ich fragte nach Pascal - und keiner wollte mir sagen, wo er ist. Man sagte mir nur, dass sie alles versuchen würden, dass sie oben im Zimmer wären. Ich sah nur noch die Flammen oben im Haus und brach zusammen. Mir wurde klar: Da konnte er nicht mehr raus kommen. Man half mir in das Haus der Nachbarn. Ich weiß nicht wer, war nur noch am weinen. Mein Mann war da auch irgendwo, aber ich wollte ihn nicht in den Arm nehmen und auch meinen anderen Sohn nicht sehen. Ich dachte die ganze Zeit nur eines: „Warum?“

An diesem Abend kamen wir zusammen ins Krankenhaus. Mein Mann kam in ein anderes, mein Sohn und ich ins Kinderkrankenhaus nach Oldenburg. Ich wollte eigentlich gar nicht weg von unserem Haus, aber sie gaben mir eine Beruhigungsspritze und ließen mich mit einem Krankenwagen zusammen mit meinem Sohn nach Oldenburg bringen. Ich schlief die Nacht eigentlich nicht. Ich konnte nicht. Nur ab und zu fielen mir die Augen zu. Morgens, als mein Sohn aufwachte, kam als erstes die Frage: „Mama, bist du mir böse, das ich mit Feuer gespielt habe?“

Die ganze Nacht über hatte ich schon darüber nachgedacht, hatte gegrübelt und es kam immer wieder diese Frage nach dem Warum. Ich wollte ihm nicht sagen dass ich böse bin, obwohl ich es war, aber ich war so dankbar, dass es ihn zumindest noch gab. Ich sagte ihm: „Nein, bin ich nicht mein Schatz“. Ich habe ihn in den Arm genommen, geknuddelt und wollte ihn gar nicht wieder loslassen. Und doch kam immer wieder diese Frage: „Was ist passiert?“.

Ich habe meinen Sohn danach gefragt, einfach, weil es mir keine Ruhe gelassen hat. Ich habe mich die ganze Zeit nur Dinge gefragt wie „Weshalb nur hat mein Mann es nicht gemerkt?“, „Warum ist Pascal nicht auch mit runter gekommen?“ und „Warum nur hat sich das Feuer nur so schnell ausgebreitet?“. Ich war doch nicht lange weg...

Ich wollte raus aus dem Krankenhaus, musste aber noch ewig warten, bis die Ärzte kamen, um uns zu entlassen. Ich wollte zu meinem Mann, ihn fragen, was los war. Als wir endlich bei meinem Mann ankamen, sah ich in seine Augen. Ich sah diese unendliche Traurigkeit, sah sein Haar, seine Arme und Hände: Alles angebrannt. Ich dachte in diesem Moment nur: „Oh Mann, wie muss es ihm gehen?“ Innerlich meine ich. Aber so richtig in den Arm nehmen konnte ich ihn nicht. Es blieb nämlich dieser eine, dieser blöde Gedanke: „Warum nur hat er es nur so spät gemerkt?“

Er musste noch im Krankenhaus bleiben, auch wenn er eigentlich auch nach Hause wollte. Ich fuhr mit unserem Kind schon nach Hause. Mein Mann würde nachkommen, mit seiner Schwester. Bei ihm dauerte es noch. Man kann ja mit einer Nonne sprechen ... darüber ... aber ich wollte nicht. Ich wollte zu Pascal, wollte zum Haus, nach Hause halt. Aber als ich dort ankam, war es nicht mehr das, was es einmal war. Es war ein verbranntes Haus.

Feuerwehrleute waren gerade dabei alles nachzusehen. Woher der Brand kam, ob er hätte verhindert werden können. Wenn ich heute darüber nachdenke: Ich habe mich nicht verabschiedet, habe ihn nicht ein letztes Mal geknuddelt...

In den Tagen danach versuchte mein Mann besonders zärtlich zu mir zu sein und an mich heranzukommen. Doch ich wollte nicht und im Nachhinein wurde mir erst klar, dass ich ihn irgendwie hasste, weil er da Geschehene nicht verhindern konnte. Ich habe mich immer weiter von ihm distanziert. Wir hatten uns schon einen Monat ansatzweise getrennt und ich wollte ein paar Tage nach dem Feuer eigentlich ausgezogen sein. Auch, um etwas Abstand zu bekommen und um herauszufinden, was an Gefühlen für meinen Mann noch da war. Das hatte sich nun fürs Erste erstmal erledigt.


Die nächsten Tage zog es mich magisch zu unserem Haus. Wir holten alles noch brauchbare heraus. Irgendwann kam dann der Tag, wo ich nicht mehr hinein wollte. Es war so wie ein Erwachen. Mir tat es weh hineinzugehen und ich konnte nicht verstehen, dass mein Mann es so hinbekam einfach da oben „herumzuturnen“. Da, wo Pascal immer schlief - und wo er starb. Später habe ich dann auch mal von ihm gehört, dass er das eigentlich nicht konnte oder besser wollte, doch sein Vater sagte ihm „Nun pack doch mit an“. Es tat ihm innerlich auch weh.

Mein Mann und ich wir sprachen immer weniger miteinander über das Thema. Damals war ich schon nicht mehr Teil seines Lebens. Es gab auch schon eine andere Frau, aber ich traute mich nicht ihm zu sagen, dass ich ihn brauchte, weil er so verliebt war und mich auch eigentlich nicht mehr gesehen hat. Ich verkroch mich und durch den Fehler, die Wärme, die er mir nicht mehr gab bei anderen zu suchen, verlor ich meinen Mann schließlich ganz.

Wenn ich heute die Sirene höre von der Feuerwehr, dann tut das weh, denn ich denke dann immer gleich an Pascal. Auch wenn ich die Wagen der Feuerwehr sehe tut es weh in meinem Herzen. Früher haben wir immer gescherzt darüber ... von wegen der Sirene ... „zu spät, zu spät“. Heute denke ich anders darüber. Selbst wenn ich Krankenwagen sehe oder Polizeiautos, gibt es jedes Mal einen Stich in meinem Herzen. Jetzt, vor allen Dingen, wo ich wieder Schwanger bin und es dem Ende der Schwangerschaft entgegen geht, denke ich immer mehr an Pascal … und wenn es zu sehr weh tut, dann mache ich mich auf dem Weg zu ihm. Ich habe mittlerweile festgestellt, dass in meinem Herzen eine Leere ist und ich bis jetzt noch kein einziges Mal wieder richtig glücklich war. Ich frage mich immer wieder, ob ich es jemals wieder werde - ob jemals diese Lücke die Pascal hinterließ wieder etwas gefüllt werden kann…